Fußfassen

Briefkästen in Nachlaot.

Vier Wochen können schleichen, sich dehnen wie Kaugummi. Sie können im Nu verfliegen, verpuffen. Sie können penibel darauf achten, nicht eine Sekunde zuviel auf die Minute zu verschwenden oder die Stunden wie eine launische Ziehharmonika abwechselnd aufblasen und zusammenquetschen.

Vier Wochen Fußfassen in Hannover zählt mein Kalender schon. Genauer gesagt: Vier Wochen, zwei Tage und 18 und ein Viertel Stunden seitdem mein Jerusamelerleben-Projekt formell sein Ende genommen hat. Hat es das auch wirklich? Natürlich nicht. Jerusalemerleben will weitergehen, vielleicht hier, vielleicht wo ganz anders.

Für die, die davon erfahren möchten, gibt es ein kleines Postfach: jerusalemerleben@gmail.com. Mails sind dort sehr gerne gesehen.

Wandern

Nachts in Nachlaot

Mal wieder. Auf meinem Bett türmen sich die Klamotten. Ein Stapel kurze Hosen, einer mit Röcken, daneben Tops und einige wenige langarmige und -beinige Dinge. Unschwer zu verstehen: Es ist Abreisezeit. Ja, jetzt schon – und ja, das ging ja total schnell. Aber weil gestapelte Dinge im ganzen Zimmer verteilt nicht die beste Gesellschaft für ruhiges Nachsinnen sind, habe ich mich ins Nocturno verdrückt.

Das Nocturno ist ein Minicafé auf zwei Etagen. Drinnen ist es meistens zu voll, draußen zu windig. Die Kellner singen gerne aus vollem Hals die Musik mit, die im Hintergrund läuft, und an fast jedem Tisch versinkt ein anderer in seinem Laptop. » weiterlesen

Abstandhalten

"Disneyland Heiliges Land" - vom Ölberg aus betrachtet.

Die Dämmerung steht über der Altstadt und entlockt der Kuppel des Felsendoms einen fast ins Orange gehenden Ton. Auf dem offenen Platz des Tempelbergs lassen sich wie die Figürchen einer Modelleisenbahn die Gläubigen erkennen. Einer nach dem anderen verschwinden sie ins Häusergewusel der Altstadt, aus dem sich die markante Bauten des Christentums und ein paar Minarette emporheben. Hier, auf dem Ölberg, ist man ganz nah dran und wahrt doch sicheren Abstand zur sirrenden Melange aus Glaubenstourismus und Tourismusglauben – hier ein Fußabdruck, dort eine heilbringende Ikone –, zur Reliquiendichte der Jerusalemer Altstadt.

Pater Robert schätzt diesen Abstand, den er von seinem Klösterchen an der Dominus-Flevit-Kapelle zum – wie er es manchmal als Schreckensvision bezeichnet – „Disneyland Heiliges Land“ auf der anderen Seite des Kidrontals hat. Die ersten vier Monate seines bald fünfjährigen Aufenthalts lebte der Rheinländer nämlich in der Grabeskirche – was ihm einen Auftritt in Hajo Schomerus’ Dokumentarfilm „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ verschaffte. Spannend!? „In der Grabeskirche eingeschlossen zu sein, ist ungefähr so interessant, wie in einem Apartement auf der Spitze des Eiffelturms zu leben“, sagt er. Die Nächte, wenn die Glaubensbrüder in der Kirche unter sich sind, das ist die schönste Zeit – in der beredten Stille der alten Gemäuer. „Tagsüber“, sagt der Franziskanerpater kurz, „leidet die Kirche bisweilen darunter, dass sie geöffnet ist.“ » weiterlesen

Jerusalemer Stimmen II

Im Lyris-Kreis liest sie meist zuletzt - und mit viel Humor: Eva.

Vom Lyris-Kreis auf der detuschen Insel in Jerusalem habe ich ja schon einmal geschrieben. Eine manchmal nachdenkliche, manchmal humorvolle Runde von deutschsprachigen Dichtern trifft sich einmal im Monat zum Gedichtelesen. Viele davon bleiben mir im Gedächtnis hängen, eins möchte ich heute gerne weitergeben. Natürlich geht es um Jerusalem.

Das längste Gedicht

Das längste Gedicht
ist das Telefonbuch
von Jerusalem,
gefügt nach strengen Regeln
des Alphabets
dieses anderen Gedichtes,
das jederman
auswendig aufsagen kann. » weiterlesen

Entscheidungsfreiheit

Lifta vor den Toren Jerusalem: Einst der wohlhabenste Ort der Region, seit 1948 von seinen arabischen Einwohnern verlassen.

Jerusalem und meine Erwartung führen eine recht einseitige Beziehung. Meine Erwartung meint, alles zu wissen. Sie baut sich vor Jerusalem auf, mit allerlei gedanklichem Kartenmaterial bewaffnet und plattgewalzten Informationswegen vor den Augen. Und was macht Jerusalem? Jerusalem lächelt, nimmt es meiner Erwartung nicht übel und sie an die Hand. Und auf geht’s runter von der Hauptstraße in die Hinterhöfe und Gässchen, in denen ihre Karten nichts mehr bringen. Dahin, wo man Geschichten nicht mehr geradeaus erzählen kann.

Es hat mehrere Wochen gedauert, bis sich Ayman endlich zu einem Treffen überreden ließ. Er ist kein Mensch, der gerne über sein Leben erzählt und schon gar nicht: Statements abgibt, Position bezieht. Und das hat seine Gründe. Aber wenn er es doch tut, dann nicht auf direktem Wege. Jeden Umweg kündigt er mit einem Lächeln an, das mich auf seine Fährte lockt. » weiterlesen

Jerusalemer Stimmen I

Morgens im Café Nocturno

Jeden Tag neue Nuancen, Details, Fakten, Wahrnehmungen. Aber ich bin hier nicht nur die Beobachterin – weit gefehlt. In jeder Begegnung gebe ich auch ein Stück von mir, sonst würde sie nicht funktionieren. Letzte Woche haben mich die Sprachlehrer des Goethe-Instituts eingeladen, Botschafter für Niedersachsen zu sein – für Hochdeutsch, Fußball, ein heute streitbares Königshaus, für die Expo und den Maschsee. Im Gegenzug haben die Sprachschüler für mich geschrieben – über ihr Jerusalem:

“Es ist klar für mich, dass ich Jerusalem mag. Man kann fragen, was gibt es in Jerusalem zu mögen? Ist es nicht eine gewalttätige, vernachlässige, schmutzige Stadt? Doch. Aber ich mag sie noch. » weiterlesen

Ölbergarena

Eine Spur von WM-Stimmung: Die Kreuzung am Damaskustor der Jerusalemer Altstadt

Der Duft von Bratwurst weht über den Ölberg. Die Ärzte und Schwestern auf dem Gelände des Auguste-Victoria-Krankenhauses kennen das schon. Die Deutschen wieder. Regelmäßig alle zwei Jahre, wenn die deutsche Nationalmannschaft zu einem der großen Turniere antritt, verwandelt sich ihr verschlafener Hain in eine Fankurve. Die deutsche Erlöserkirchengemeinde hängt die Leinwand auf. » weiterlesen

Reisen

Mona träumt von ihrer Reise: Sie soll die israelischen Kinder mit auf ihren Weg nehmen.

Mika wohnt nur ein paar Minuten vom Markttrubel am Damaskustor entfernt. Zwischen ihrer Wohnung im westjerusalemer Stadtteil Musrara und dem ostjerusalemer Marktschreiern liegen nur ein paar Häuser und eine sechsspurige Straße. „Aber jedes Mal, wenn ich diese überquere, merke ich, wie ich unsicher werde“, sagt die 30-jährige Israelin. „Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, welche Sprache ich sprechen soll. Ich fühle mich schuldig.“

Mika nimmt einen mit ihrem Lächeln ein, sie hat englische Literatur studiert und arbeitet als Übersetzerin. Sie engagiert sich für das Reformjudentum und seit kurzem für eine kleine Nichtregierungsorganisation (NGO). Sie liebt Begegnungen und hat immer Tipps parat. Aber wenn es zum Kontakt mit Palästinensern kommt, und sei es nur der Gemüseverkäufer vom Damaskustor, ist sie wie ausgewechselt. Es erinnert mich daran, wie ich mich bei unseren ersten Begegnungen vor fast sieben Jahren fühlte: mit der Angst beladen, als Deutsche in Israel irgendetwas falsch zu machen. » weiterlesen

Zerreißprobe

Die Jerusalemer und die Vorfälle auf der Mavi Marmara: Eine Stadt ist zerrissen.

Ronnie Jaeger hat Tränen in ihren Augen. „Ich schäme mich so für die Juden und für Israel. Ich bin so wütend“, sagt die Seniorin. Sie hat ein Schild in den Händen. „Die Blockade ist Terror“, steht dort drauf. Sie hält es auf den Pariser Platz in Jerusalem hinaus, wo sich im Feierabendverkehr die Autos stauen. Die 70-Jährige sagt, sie konnte heute einfach nicht daheim bleiben, sie müsse ausdrücken, was sie über das blutige Geschehen vor der Küste von Gaza denkt. Und so geht es Tausenden Israelis, die auf den Straßen des Landes, über Twitter und in Blogs versuchen, ihre Meinung auszudrücken.

In unmittelbarer Nähe des Pariser Platzes befindet sich das gut abgeschirmte Haus des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Jeden Freitag stehen hier Menschen, eine Handvoll, die gegen die israelische Besatzung in den palästinensischen Gebieten demonstrieren. Am Montagabend sind es 500 – Alte und Junge, Israelis und Palästinenser. » weiterlesen

Alternativlösung

Mise en szene: Das Uganda ist die Jerusalemer Heimat der Ausgefallenen, Andersdenkenden und Auswärtigen.

Jeden Abend so ab 22 Uhr bekommt die Aristobolusstraße, eine schmale Gasse unweit des Jerusalemer Stadtzentrums einen eigenwilligen Rhythmus. Jedes Auto, das die Straße passiert, drängt die Menschen, die dort herumstehen und -sitzen, an die Häuserwände. Sie quetschen sich einer neben dem anderen, die Stühle in der Hand, an die sandfarbenen Jerusalemer Mauern, denn mehr Platz ist nicht. Es fahren viele Autos durch die Aristobolus, und so sind die Menschen ständig in Bewegung: An die Wände, zurück auf die Straße, an die Wände, zurück auf die Straßen, an die Wände…

Von oben betrachtet hat diese Choreographie etwas Pulsierendes, unten auf der Straße eher etwas Nerviges. „Dabei fahren schon viel weniger Autos hier durch, seit in der Innenstadt die Straßenbahn gebaut wird, und alles gesperrt ist“, sagt Itamar, als wir mal wieder die Beine einziehen müssen. Vor fünf Jahren haben Itamar und sein Kumpel Uri in der Aristobolus das Uganda eröffnet – einen Platten-, CD-, Comicladen/Label/Café/Kneipe und Zufluchtsort für Jerusalems ausgefallene Figuren – für Punks, Elektrofans, für Andersdenkende und Auswärtige. » weiterlesen