Heimat Jerusalem

Am Eingang der Grabeskiche stecken Gläubige Zettelchen mit Wünschen zwischen die Säulen.
Über der Jerusalemer Altstadt hängt eine Dunstwolke aus Schweiß. Seit zwei Stunden zwängen sich Menschen aus aller Welt durch die Gassen der Via Dolorosa – die meisten mit ordentlichem Gepäck: einem mehr oder weniger großen Holzkreuz. Den Anfang haben die Griechen gemacht, dann kamen die Russen, dann die arabischen Christen, die Katholiken, die Afrikaner, die Indonesier … An mir vorbei schieben sie sich in Richtung Grabeskirche. Um den Menschenfluss zu regulieren, bauen israelische Sicherheitskräfte immer wieder Absperrungen auf. Denn um auf den Vorplatz der Grabeskirche zu gelangen, muss man durch einen engen Torbogen.
Karfreitagsprozession
Nach zwei Stunden, als der Strom langsam versiegt, kann ich meinen Zuschauerplatz auf den Stufen eines arabischen Ladens verlassen. Der hat vorsichtshalber die Tücher und Plunderhosen abgehängt, die ansonsten vom Vordach auf die Köpfe der Touristen baumeln. Ich suche die nächstbeste Falafelbude auf. Dort sitzt auch Thomas, ein polnischer Rundfunkjournalist, der aber gar nicht dienstlich in Jerusalem ist. Ich frage ihn, wie die Prozession auf ihn gewirkt hat. „Ich arbeite in China, bin orthodox erzogen worden. Deswegen fühle ich mich hier gerade sehr heimisch.“
Heimisch, mh.
Es geht viel um Heimat in den letzten Tagen. Seit Montagabend feiern die Juden das Pessachfest. „Seder“ heißt dieser erste Abend, den ich mit der Familie eines Freundes verbracht habe. Seder bedeutet soviel wie Ordnung – und am Ende dieser Ordnung stehen die Worte: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Der fröhliche Abend, an dem die Freiheit des jüdischen Volkes gefeiert wird, endet mit der Sehnsucht nach einer geistigen Heimat, die mit dem jüdischen Tempel vor knapp 2000 Jahren zerstört wurde.
Jerusalem ist voller Heimaten. Nach ein paar Tagen schon bekommt man ein Auge für die feinen Unterschiede zwischen den Menschen. Da sind die orthodoxen Frauen mit Perücke und ohne, die jüdische Männer mit gehäkelter und mit samtener Kippa, die jüdischen und die christlichen Äthiopier – nur, ein paar zu nennen. Die Jerusalemer sind geprägt von dem Druck, Grenzen zu ziehen.
„Ich brauche hin und wieder einen Ort der Stille“, sagt Yoni, ein israelischer Fremdenführer, der 1973 aus Schweden eingewandert ist. Wir sitzen im Gartengrab – einer Art Minioase mit Tropenhausatmosphäre außerhalb der Altstadt. Die anglikanische Kirche führt hier die Regie, ältere Herrschaften, die als Freiwillige nach Israel kommen, führen die Besucher durch den Park. Die Protestanten glauben, hier Ende des 19. Jahrhunderts das eigentliche Grab Jesu gefunden zu haben. Dass Yoni Jude ist und das Gartengrab ein christlicher Ort, empfindet er nicht als Widerspruch.


Du hast wirklich eine tolle Schreibe!
[...] Zwei Lieblingsmotive aus der Serie darf ich zu diesem Beitrag zeigen – die anderen gibt es auf jerusalemerleben.haz.de zu [...]
Die Bilder sind besonders eindrucksvoll, man bekommt den Tumolt und das Gedraenge so richtig zu spueren.
Tolle Arbeit, Ann-Kathrin.
müssen deine Artikel zuerst zur israelischen Zensurbehörde oder schreibst du frei
Nein, keine Zensurbehörde… So frei wie das Internet.
LIEBE ANN-KATHRIN !
(STATT HALLO !)
Die Stimmung und die Empfindungen , das Erleben einer quirligen Stadt kommt gut rueber !
Man haette auch den Wunsch gehabt , eine Minute Geraeusche der Strasse zu hoeren zu jedem Bild.Vielleicht koennen Sie zum Schluss des Projektes uns alle etwas in die Ferne lauschen lassen.Ein Bild links – und rechts MP3 Geraeusche des Ortes.
Vorhin habe ich gerade den Einkauf ausgepackt und eingeraeumt.Da kam mir die Idee ! Packen Sie doch mal den Einkauf einer Jerusalemerin auf Zeit auf dem Tisch aus und machen Sie kleine Zettel daran mit den Preisen in Schekel und in Euro ! Mich wuerde es sehr interessieren , was kostet das Leben bzw. der Einkauf in Israel.Ist das Leben in ISRAEL teurer ? Was gibt es dort , was wir nicht bekommen ? Finden Sie einen Menschen der vom kulinarisches Heimweh geplagt wird !Ihr Portraet einer Stadt zu einem HOHEN FEST ist meiner Meinung nach sehr gelungen ! In der Erinnerung an die Schulzeit mit seinen gezeichneten Plaenen der Jerusalemer Alstadt und ihre wichtigen Oertlichkeiten ist man schon oft in Gedanken dort gewesen , aber in Echt ist besser !
Hier steppt der Baer – wuerde Klaus Wowereit sagen …
Im Laufe der Zeit werden auch Sie Ihren Lieblingsplatz in Jerusalem fnden.
Ein alter Spruch – aber sehr gut ! C A R P E D I E M …
Schalom !
Schoene Gruesse nach Jerusalem !
Bernd O.