Haus um Haus

Der Brennpunkt hinter dem Zaun: Am Jerusalemtag feiern die jüdischen Siedler in Sheikh Jarrah die Wiedervereinigung Jerusalem, wie sie es nennen. Die Polizei schirmt das Viertel weitläufig ab.

An einem normalen Wochentag hat die Kreuzung im ostjerusalemer Viertel Sheikh Jarrah nicht viel von einem Brennpunkt. Um das Gelände des Gebrauchtwarenhändlers an der Ecke flattern bunte Fähnchen, am Kiosk gegenüber drücken sich ein paar Männern in den Schatten. Dazwischen donnern Lkws und Kleinbusse vorbei. Man muss schon etwas genauer hingucken. Dann entdeckt man an den Häuserwänden Palästinafahnen, die mit Hakenkreuzen übersprüht sind und darüber mit Sätzen wie „Es gibt keine Heiligkeit in einer besetzten Stadt“. Dann sieht man über einigen Häusern des arabischen Stadtteils Israelfahnen flattern.

An dem Autohändler vorbei gehe ich in die Uthman Ben Affan Straße. Auf dem Bürgersteig, im Schatten unter einem Feigenbaum sitzt Mohammed mit ein paar Freunden. Die Männer sitzen hier immer, jeden Tag. Ihr Blick ist auf die andere Straßenseite gerichtet – auf das Haus mit der großen roten Channukia auf dem Dach, dem neunarmigen Leuchter, den Juden zum Channukafest anzünden. In diesem Haus hat die Familie von Mohammeds Nachbar Nasser, der normalerweise auch auf einem der Plastikstühle sitzt, bis zum vergangenen August gelebt. Jetzt wohnen dort jüdische Siedler.

Mohammed (li.) und andere Männer aus der Nachbarschaft sitzen jeden Tag unter dem Feigenbaum und beobachten die Siedler.

„Sheikh Jarrah war immer die ruhigste Nachbarschaft in Ostjerusalem. Während der ersten und zweiten Intifada war hier kaum etwas los“, sagt Mohammed. Seit Oktober 2009 hat sich das verändert, seitdem jeden Freitag die Demonstranten kommen. Am Anfang waren es zwei Duzend Israelis, die zur Unterstützung der palästinensischen Familien auf die Straße gingen. Heute sind es manchmal bis zu 500. Pünktlich am Freitag um 14 Uhr bauen dann israelische Polizisten einen Checkpoint neben der Auffahrt zum Autohändler auf. Und während die Siedler zu ihren Häusern dürfen, stehen die Demonstranten auf der anderen Seite des Zauns mit Plakaten, Megafonen und Trommeln. Nicht selten kommt es zu Handgemengen mit der Polizei, Verletzungen und Festnahmen.

„Ganz normale Menschen kommen, um uns zu helfen“, sagt Mohammed. Ihn berührt die Unterstützung von den Israelis sehr. Jedem, der vorbei kommt, bietet er einen Platz neben sich im Schatten unter dem Feigenbaum an. Zwei Tage zuvor hat er einen Vortrag in Tel Aviv über die Lage in seinem Viertel gehalten. „Alle waren sehr erstaunt über das, was ich erzählte und haben versprochen zur nächsten Demo zu kommen.“ Im Vorhof hinter den Stühlen, auf denen die Männer sitzen, ist ein Pavillon mit Betten aufgebaut. Dort leben seit März 2009 ständig Freiwillige aus aller Welt. Sie gehören zum International Solidarity Movement, einer von Palästinensern geführten Nichtregierungsorganisation, die gewaltlosen Widerstand gegen die israelische Besatzung leisten will.

Jeden Freitagnachmittag kommen die Demonstranten nach Sheikh Jarrah - Israelis, Palästinenser, Religiöse und Säkulare.

Die Freiwilligen waren auch dabei, als die Polizei und die Jerusalemer Stadtverwaltung am 2. August letzten Jahres mit mehreren Lastwagen anrückten. „Sie kamen um halb fünf in der früh“, sagt Mohammed. „Die Familien meiner Freunde Nasser und Maher wurden aus dem Schlaf gerissen und aus ihren Häusern getrieben“, sagt Mohammed. „Sie hatten keine Zeit, sich anzuziehen, auch die Frauen nicht.“ Die Frauen der Familien tragen normalerweise Kopftücher und lange Kleider. „Ihre Möbel haben die Familien erst Stunden später auf einem Spielplatz etwa einen Kilometer von hier gefunden.“ Die Stadtverwaltung hatte sie dort abgeladen. Am gleichen Tag zogen die jüdischen Siedler in die beiden Häuser ein.

Die Familien wussten bereits, was auf sie zukommen könnte. Ein halbes Jahr zuvor, im November 2008, war der Anbau ihrer Nachbarn als erstes Gebäude in Sheikh Jarrah geräumt worden. Sie wussten es auch, weil der Streit um den Boden in Sheikh Jarrah bereits 38 Jahre andauert.

27 palästinensische Familien leben heute in Sheikh Jarrah, insgesamt um die 500 Menschen. Allesamt sind sie Flüchtlinge. Sie kommen aus verschiedenen Ecken des heutigen Israels, die sie während des israelisch-arabischen Kriegs 1948 verließen. Zusammen mit ihnen belief sich die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge um die 750 000 Menschen. Diese Anzahl ließ sich von der UNRWA, dem Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, registrieren. Heute betreut die UNRWA 4,7 Millionen Menschen, von denen ein Drittel in Flüchtlingslagern in Jordanien, Libanon, Syrien, dem Gazastreifen und dem Westjordanland leben. Mohammeds Familie stammt aus Yafo, der arabischen Hafenstadt, die heute in Tel Aviv liegt. „Wir besaßen dort zwei Häuser“, sagt er und zückt sein Handy, um mir die Bilder zu zeigen, die er bei seinem letzten Besuch dort gemacht hat. „Das eine sei jetzt eine Synagoge“, sagt er.

Mohammeds Familie kam nach Ostjerusalem, das nach dem Krieg unter jordanischer Verwaltung stand. Sheikh Jarrah war bis dahin nichts weiter als ein Stück Land mit Olivenbäumen. Sie waren von der UNWRA registrierte Flüchtlinge und hatten damit das Anrecht auf Gesundheitsversorgung, Bildung, Mikrokredite und soziale Leistungen. „Anfang der 1950er ging mein Vater dann auf ein Angebot der UNWRA und der jordanischen Regierung ein“, erzählt Mohammed. Im Austausch für ihre Flüchtlingskarte sollten sie Häuser in Sheikh Jarrah beziehen und drei Jahre lang eine nominelle Miete bezahlen. „Danach sollten die Häuser in unser Eigentum übergehen“, sagt Mohammed.

Dort, wo die Siedler sind, kommen auch sie: Die israelischen Sicherheitskräfte.

Doch die Eigentumsurkunden haben die Familien nie erhalten. Im Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzte die israelische Armee Ostjerusalem und das Westjordanland bis zur jordanischen Grenze. Bis heute bezeichnen die Vereinten Nationen die israelische Kontrolle über Ostjerusalem als Besetzung – ebenso wie Mohammeds Familie. „Mein Vater weigerte sich, Miete an die Israelis zu bezahlen. Er hätte damit akzeptiert, dass Israel dieses Land gehört und nicht den Arabern.“

Das eigentliche Ringen um den Boden in Sheikh Jarrah begann 1972. Verschiedene Siedlerorganisationen brachten Zertifikate vor, die bescheinigen sollen, dass sie den Boden von Sheikh Jarrah im 19. Jahrhundert von den osmanischen Herrschern erworben hatten. Für sie heißt Sheikh Jarrah Shimon Hatzadik, denn das Grab jenen Hohepriesters aus der Epoche des zweiten jüdischen Tempels soll mitten in dem Viertel liegen. Während ich mit Mohammed unter dem Feigenbaum sitze, ziehen immer wieder orthodoxe Juden vorbei, die die Stätte besuchen. 1972 strebten die Siedler die erste Klage gegen die Familien in Sheikh Jarrah an. „Zu Anfang ging es ihnen darum, Miete von uns für ihr Land zu bekommen“, sagt Mohammed.

Das war der Anfang – eigentlich geht es in Sheikh Jarrah um mehr. Israelische Menschenrechts- organisationen und die Zeitung Haaretz belegen regelmäßig die Absichten der Siedlerorganisation, in dem Bassin, das die Jerusalemer Altstadt im Osten umrundet und das zum arabischen Ostjerusalem gehört, eine starke jüdische Präsenz aufzubauen. „Judaisierung“ ist der Begriff, den linke Aktivisten, Medien und Wissenschaftler dafür verwenden.

Das Haus von Mohammeds Freund Nasser: Auf dem Dach die rote Channukia.

Das betrifft Sheikh Jarrah im Norden ebenso wie Silwan im Süden, genauso wie das arabische Viertel der Altstadt. Sheikh Jarrah liegt strategisch wichtig zwischen der jüdischen Weststadt und dem Skopusberg, auf dem sich ein Teil der Hebräischen Universität und des Hadassah-Krankenhauses befindet. Im August 2008 legte Nahalot Shimon International, eine mit Siedlern verbundene Immobilienfirma, einen Bauplan für 200 Wohneinheiten in Sheikh Jarrah zur Genehmigung vor. 500 Einwohner, so die Menschrechtsorganisation Ir Ammin, müssten dafür geräumt werden.

20 Wohneinheiten auf dem nahe gelegenen Areal des ehemaligen palästinensischen Shepperd Hotels sind bereits genehmigt. Wohneinheiten, die unter dem Schutz der israelischen Polizei stehen werden, die wie man in Israel sagt „Fakten auf dem Boden schaffen“ – Fakten gegen eine Teilung Jerusalems, – Fakten, die Grenzen verschieben sollen, die noch gar nicht existieren. Was das für das Miteinander bedeutet, ist in Sheikh Jarrah nicht zu übersehen. „Du Hund! Das ist nicht dein Haus“, ruft einer der Männer unter dem Feigenbaum einem Siedler hinterher, der das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite betritt. „Du Schlampe!“, zischt er einer Frau hinterher, die einen Kinderwagen vorbeischiebt.

Seit 1972 ziehen sich verschiedene juristische Prozesse zwischen den palästinensischen Familien und den Siedlerorganisationen hin. Die Lage ist verworren und vielschichtig. Während das Gericht die Ansprüche der Siedler zuerst auf der Grundlage des Abkommens zwischen der UNRWA, der jordanischen Regierung und den palästinensischen Familien zurückwies, hat sich das Blatt seit 1982 gewendet. Der Anwalt der Palästinenser schloss ein Abkommen mit den Siedlern, das 17 Familien den Status als geschützter Pächter zugesteht, aber die Ansprüche der Siedler nicht infrage stellt. Damit wurden die Siedler quasi beiläufig zu den Besitzern des Landes in Sheikh Jarrah. „Die 17 Familien, die dieses Abkommen betraf, haben nie zugestimmt“, sagt Mohammed. Und die meisten von ihnen haben nie gezahlt.

Das erste geräumte Haus in Sheikh Jarrah. Hier soll nur ein Wachposten leben, denn es handelt sich um einen Anbau einer palästinensischen Familie.

Im November 2008 wurde der erste Räumungsbefehl umgesetzt, im März 2009 folgte der nächste gegen die Familien von Nasser und Maher. Bis zum August konnte der Anwalt der Familien die Räumung aufschieben. „Dann änderte sich das Leben der Menschen innerhalb von einer Stunde“, sagt Mohammed. Die Familien harrten fünf Monate in Zelten in der Nähe ihrer Häuser aus, bis es in den Wintermonaten zu kalt wurde. Dreieinhalb Häuser in Sheikh Jarrah sind bisher geräumt, viele weitere Familien haben bereits Vorladungen bekommen. Das Gericht erkennt die Ansprüche der Siedler an. Mohammeds Verhandlung ist für kommende Woche datiert. „Ich habe Angst, aber unser Anwalt sagt immer, dass wir eine gute Chance haben“, sagt er. Seine Familie gehörte nicht zu den 17 Familien, die 1982 unfreiwillig zu Pächtern wurden. „Außerdem hat unser Anwalt in Archiven in der Türkei nach Dokumenten gesucht, die die Ansprüche der Siedler widerlegen sollen“, sagt er.

Und die Häuser seiner Familie in Yafo, frage ich. Hat er nie daran gedacht, diese zu beanspruchen – im Gegenzug zum Anspruch der Siedler auf ihr Land? Mohammed lächelt müde. „Ich denke nicht, dass die Israelis diese Idee akzeptieren werden“, sagt er. Würden sie auch nicht. Seit 1950 ist das Absentees’ Property Law in Kraft, dass das Eigentum von abwesenden Landeigentümer regelt. Araber, die im Krieg 1948 ihr Haus verließen, haben danach kein Recht mehr, ihr Eigentum zu beanspruchen. Eben das, was den Siedlerorganisationen in Sheikh Jarrah zu gelingen scheint.

2 Kommentare

  1. Max sagt:

    Hi Ann-Kathrin,
    sehr vielfältige Eindrücke insgesamt.
    Liebe Grüße aus H

  2. Vielen Dank für die ausführliche und sehr anschauliche Reportage, die ich mit mehr Gewinn gelesen habe als 90% dessen, was in den deutschen Großmedien zum Thema publiziert wird.

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